Ehemalige Schülerin als Menschenrechtsbeobachterin in Palästina

Ein bemerkenswerter Zufall führte Susanne Hefekäuser, KFG-Schülerin von 1997 bis 2003, mittlerweile Politikwissenschaftlerin und Journalistin,  und Frau Bleck, ihre damalige Religionslehrerin, vor wenigen Monaten zusammen. Das Ergebnis: Eine Einladung in den evangelischen Religionsunterricht der Stufe 11 im Juni 2014.

Susanne Hefekäuser, im Herbst 2013 als Menschenrechtsbeobachterin in Palästina, schilderte in Wort und Bild den Schülerinnen und Schülern sehr eindrücklich und unter die Haut gehend ihre Erfahrungen in der Stadt Hebron, die im Süden des von Israel besetzten Westjordanlandes liegt. 

Der beigefügte Artikel aus der Zeitschrift „Im Lande der Bibel“ (1/2014), herausgegeben vom Jerusalemsverein in Berlin, bietet eine Zusammenfassung dieser persönlichen Erfahrungen unserer ehemaligen Schülerin.

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Hebron - ein persönlicher Erfahrungsbericht

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„Du wirst bald aufhören, nach dem Warum zu fragen“, sagte meine Vorgängerin zu mir, als ich im August 2013 in  der Stadt Hebron im besetzten Westjordanland ankam. Ich war hier, um für drei Monate als Menschenrechtsbeobachterin im Ecumenical Accompaniment Program Palestine/Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates Palästinenser und israelische Friedensaktivisten bei ihren gewaltfreien Aktionen für ein Ende der Besatzung und für einen gerechten Frieden zu begleiten, besonders verwundbare Palästinenser zu schützen und von Menschenrechtsverletzungen zu berichten. Schon nach ein paar Tagen in Hebron wurde mir klar, was meine Vorgängerin versucht hatte, mir mit auf den Weg zu geben.

„Warum?“, das ist eine verlorene Frage in einer Stadt wie Hebron, die nach ihren ganz eigenen Regeln funktioniert. Die Stadt wird beherrscht von etwa 500 israelischen Siedlern, die im Stadtzentrum mitten unter Palästinensern leben. Sie sind hier, weil sie glauben, dass Gott ihnen das Land geschenkt hat. Sie wollen ihrem Urvater Abraham nahe sein, der in Hebron begraben sein soll. Dabei sind sie alles andere als gute Nachbarn für die in Hebron lebenden Palästinenser:

Regelmäßig  zünden die Siedler palästinensische Häuser, Autos oder Olivenbäume an, bewerfen die Familien mit Steinen oder Exkrementen, vergiften ihre Tiere. Nach Angaben des United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA) gab es im Jahr 2013 im Westjordanland 399 solcher Übergriffe von israelischen Siedlern auf Palästinenser – gegenüber 99 Fällen andersherum. Dass die Siedler für ihre Taten  rechtlich belangt werden, kommt selten vor. Denn die etwa 800 bis 1000 ständig in Hebron stationierten israelischen Soldaten haben nach Angaben der israelischen Veteranen-Organisation „Breaking the Silence“ den Befehl, die Siedler nicht anzurühren. Die palästinensische Bevölkerung dagegen kontrollieren sie bis in den letzten Bereich ihres Lebens: Sie halten sie auf dem Weg zur Schule oder zum Einkaufen an einem der zahlreichen Checkpoints fest, dringen nachts in ihre Häuser ein, um Verhaftungen oder Hausdurchsuchungen vorzunehmen oder wandeln ihre Hausdächer in militärische Wachposten um.

Diese Situation der Ungerechtigkeit lässt in Hebron Geschichten entstehen, die man skurril nennen könnte, wäre die zugrundeliegende Realität nicht so brutal. 

Da ist zum Beispiel die Geschichte des palästinensischen Tankstellen-Besitzers, der vor dem Obersten Gerichtshof in Israel gegen die militärische Schließung seiner Tankstelle auf der Shuhada-Straße klagte – und gewann. Da aber weder er, noch andere Palästinenser diese Straße betreten, geschweige denn mit Autos befahren dürfen, blieb die Tankstelle dennoch geschlossen. Dann die Geschichte von dem Kamel einer palästinensischen Familie, das grasend einer Gruppe von Siedlern im Weg stand, die einen Zugangsweg zur Siedlung Kiryat Arba durch das Land jener palästinensischen Familie bauen wollten. Das ahnungslose Tier wurde so lange von Soldaten festgehalten, bis die Bauarbeiten für den Tag beendet waren. Und schließlich ist da die Geschichte der Kindergartens, dessen Betreiber eine Toilette an das Haus anbauten. Nur ein paar Tage nach dem Bau befahl das Militär den Palästinensern, die Toilette wieder abzureißen – die israelischen Siedler fühlten sich dadurch offenbar bedroht.

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Ich habe viel gelernt in meiner Zeit in Hebron. Ich habe gelernt, zwischen den Geräuschen von Plastikgeschossen und Metallpatronen zu unterscheiden, wenn sie vom israelischen Militär während einer der zahlreichen palästinensischen Proteste abgefeuert wurden. Ich habe gelernt, dass palästinensische Mütter in Freudentränen ausbrechen können, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn wegen Steinewerfens zu einem Jahr Haft verurteilt worden ist – denn das bedeutet, dass er wiederkommt und nicht auf unbestimmte Zeit in Administrativhaft sitzt. Ich habe gelernt, dass manche Palästinenser die ständigen Durchsuchungen an den Checkpoints nur ertragen, indem sie sich vorstellen, die einzige gesunde Person in einer Nervenheilanstalt zu sein.

Eines aber habe ich nicht gelernt: Aufzuhören, nach dem „Warum?“ zu fragen.

Denn die Antwort auf diese Frage ist so simpel wie erschreckend. Die Palästinenser, die in der Stadt wohnen, stören die Utopie einer rein-jüdischen Stadt. Deswegen versuchen die Siedler, den in der Stadt verbleibenden Palästinensern das Leben so schwer wie möglich zu machen. Das Ziel, das man in vielen Interviews mit Vertretern der Siedlerbewegung Hebrons - wie Baruch Marzel oder David Wilder - nachlesen kann, ist nichts anderes als die Vertreibung der „Araber“, wie sie in den Siedlungen genannt werden. Dass die israelische Regierung die Siedler dabei unterstützt, wird nicht nur dadurch deutlich, dass sie ihre Soldaten schickt, um die Siedler zu schützen, ohne aber Verstöße von dieser Seite strafrechtlich zu ahnden. Erst Anfang Januar verkündete der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu der Likud-Fraktion im Parlament, dass er Siedler in Orten wie Hebron, die „wichtig sind für das jüdische Volk“, auch im Rahmen von Friedensverhandlungen niemals evakuieren lassen würde, wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete.

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Dabei ist Hebron nur die Spitze des Eisberges. In großen Teilen der Westbank, genauer in C-Gebiet (Area C), die sich auch nach den Verträgen von Oslo noch unter voller israelischer Kontrolle befindet und immerhin 60 Prozent der gesamten Fläche ausmachen, wird die palästinensische Bevölkerung noch effektiver vertrieben. Im Jahr 2013 wurden laut UNOCHA im Westjordanland und in Ost-Jerusalem insgesamt 663 palästinensische Baustrukturen durch das Militär dem Erdboden gleichgemacht. Darunter waren Häuser, Ställe, Schulen, Systeme zur Wasserversorgung. Ganze Dörfer wurden so von einem auf den anderen Tag ausgelöscht - wie etwa das Schäferdorf Makhoul im Jordantal, in dem die Bulldozer am 16. September 2013 um 5 Uhr morgens anrückten und innerhalb von wenigen Stunden 48 Menschen, darunter 17 Kinder, obdachlos zurückließen.

Über Wochen verweigerten israelische Soldaten den internationalen Hilfsorganisationen, die Zelte als provisorische Unterkünfte liefern wollten, den Zutritt. Als ich das Dorf im späten Oktober besuchte, tollten in den zwei Zelten, die mittlerweile wieder in dem Dorf standen, Lämmer und Ziegenbabys. Ein Bett stand in einem Berg aus Schutt, ein paar Hühner liefen drumherum. Als ich den Schäfer fragte, warum er denn im anbrechenden Winter immer noch unter freiem Himmel schliefe, sagte er nur: „Ich kann die Kälte ertragen, die Tierbabys nicht.“ Die Verantwortlichen rechtfertigen die Abrisse durch fehlende Baugenehmigungen. Was sie dabei nicht sagen: Im C-Gebiet ist es für Palästinenser fast unmöglich, Baugenehmigungen zu erhalten. Nach Angaben des Israeli Comittee against House Demolitions (ICAHD) werden mehr als 94 Prozent der Anträge von der israelischen Ziviladministration abgelehnt. Was die Verantwortlichen auch nicht erwähnen: Die meisten der von Abriss bedrohten oder abgerissenen Dörfer befinden sich in Gebieten, die bereits für die Ausweitung von israelischen Siedlungen eingeplant sind.

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Es ist diese Antwort auf die Frage „Warum?“, diese Systematik der Vertreibung durch das Zusammenspiel von physischer Gewalt, Einschüchterung und diskriminierender Bürokratie, die mich während meines Einsatzes in Hebron besonders getroffen hat. Und es ist die Erkenntnis, dass diesem System eine politische Rationalität zugrunde liegt: Die Siedler stellen mit einer Population von mittlerweile 500.000 Menschen eine wichtige Wählergruppe dar. Dadurch haben sie jede Regierung - ob rechts, links oder liberal - in der Hand.

Die Menschenrechtsprobleme der  Militärbesatzung des Westjordanlandes hören bei den Siedlungen nicht auf -  aber sie beginnen hier. Denn die Siedlungen sind der Grund dafür, dass die Möglichkeit eines palästinensischen Staates und damit die Hoffnung auf eine Selbstbestimmung des palästinensischen Volkes, in immer weitere Ferne rückt. Der Anspruch, den die Siedler auf ein Land erheben, das ihnen völkerrechtlich nicht gehört, ist verantwortlich für unermessliches Leid in der palästinensischen Bevölkerung. Wir dürfen deswegen nicht damit aufhören, die Welt darauf hinzuweisen, warum dieser Zustand der endlosen Militärbesatzung in den palästinensischen Gebieten falsch ist. Und wir können nur hoffen, dass es in Zukunft mehr mutige Politiker gibt wie den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, die diese Tatsache auch vor ihren israelischen Kollegen offen aussprechen.

 

Infos zur Autorin:

Susanne Hefekäuser ist Politikwissenschaftlerin und Journalistin und lebt in Berlin. Sie war von August bis November 2013 als Ecumenical Accompanier in Hebron im Einsatz. Während einem Besuch im EAPPI-Placement Yanoun im Norden der Westbank lernte sie auch die Lebenssituation der Palästinenser in Area C und im Jordantal kennen. Ihre Berichte aus dem Westjordanland hat sie auf dem Blog www.eyewitnesspalestine.wordpress.com zusammengetragen.