Positionen des Deutschunterrichts

Jederzeit könnte sich folgendes, fiktives Gespräch in unserem Lehrerzimmer unter den Deutschkollegen abspielen. Lesen Sie selbst! Es verdeutlicht das eingangs postulierte gemeinsame Anliegen der Deutschlehrer an unserem Gymnasium in diskursiver Form.  

Frau Klimek:
„Es ist doch so einfach: Gegenstand des Deutschunterrichts ist die Literatur, ist das Lernen von Schreiben und Lesen, sind nichtfiktionale Texte und schließlich die Grammatik.“

Frau Bröhl:
„Ich sage es noch einmal. Es geht im Deutschunterricht nicht um Grammatik, also um das System Sprache; es geht nicht um diskursive, also non-fiktive Texte, es geht nicht um Hermeneutik, sondern im Deutschunterricht, hier verstanden als Schulunterricht, geht es um Bildung.“

Frau Mauel:
„Was heißt das?“

Herr Schmitt:
„Zweierlei. Erstens geht es sicherlich auch um die Zurkenntnisnahme von Sachverhalten. Wer war Goethe, was ist ein Gedicht, wie ist das Drama aufgebaut, in welche Epochen lässt sich Literatur einteilen, was ist ein Subjekt, welche Funktion hat die Werbung, was heißt Hermeneutik? Das sind Quizfragen, Fragen des Wissens, nicht der Bildung. Traditionellerweise nennt man diesen Aspekt Unterricht. Zum Unterricht kommt die Erziehung, die man beschreiben könnte als Versuch, den Schüler, dem Educandus, einen Sinnbezug zum zur Kenntnis Genommenen zu ermöglichen. Ohne diesen Sinnbezug ist Wissen in der Tat sinnlos. "

Frau Lewalter:
"Dabei ist zu bedenken, dass beide Aspekte, der des Unterrichts und der der Erziehung, ineinander verknotet, gegenseitig vermittelt sind. Diese Vermittlung können wir auch Bildung nennen.“

Frau Schmitz:
„Aber Deutschunterricht ist doch nicht nur Literaturunterricht!“

Herr Amberg:
„Genau! Der Deutschunterricht hat vier Gegenstandsbereiche: Er beschäftigt sich mit Literatur als Kunst, er beschäftigt sich weiter mit Literatur als Kommunikation (als Praxis!), er beschäftigt sich mit der Sprache und er beschäftigt sich schließlich mit Theorien des Verstehens, mit der Hermeneutik.“

Frau Hessel:
„Das ist nur halbrichtig. Zwar hat der Deutschunterricht vier Gegenstandsbereiche, aber er hat nur ein Ziel, nämlich das Verstehen von Literatur als Kunst, als Kommunikation, das Verstehen von Sprache und (paradox formuliert) das Verstehen des Verstehens. Der Deutschunterricht nähert sich diesen genannten Gegenstandsbereichen nicht von diesen selbst, sondern unter einem Aspekt, nämlich dem des Verstehens, der Verständnisfähigkeit.“

Frau Thülig:
„Was heißt „Verstehen“ bzw. Verstehen lernen?“

Herr Decher:
„Ganz allgemein lässt sich formulieren, dass es im Deutschunterricht eben nicht um einen Gegenstand geht, sondern dass es um den Vorgang des Verstehens geht, der notwendig an einem Gegenstand sich realisieren muss. Es geht nicht um das Verständnis des Gegenstandes, sondern es geht um das Verstehen.“

Herr Franke:
„Ein sonderbarer Gegensatz!“

Frau Schäfer:
„Vielleicht lässt sich dieser Unterschied, nicht Gegensatz, an einem konkreten Beispiel betrachten?“

Frau Baumgarten:
„Die wissenschaftliche Analyse von Büchners “Woyczek“ müsste beispielsweise die sozialhistorische Situation einbeziehen, sie müsste Büchners Kunsttheorie miteinbeziehen, die Tradition des Trauerspiels, hier vielleicht sogar die des bürgerlichen Trauerspiels, sie müsste einbeziehen den Kunstcharakter des Dramas, die Philosophie der Tragödie schlechthin und würde so versuchen, sich etwa wissenschaftlich dem Gegenstand zu nähern. Hinzu käme die wissenschaftstheoretische Begründung, die ihr eigenes Vorgehen nicht nur reflektiert, sondern auch gegenüber anderen wissenschaftlichen Methoden begründet. Es geht um Erkenntnis an sich. All dies kann (rein technisch), aber sollte auch nicht den Zugang zu dem Werk Büchners ermöglichen bzw. verstellen; denn es geht in der Tat nicht um eine wissenschaftlich philologische Aneignung des Stückes. Zugleich reicht es aber auch nicht, das Stück zur Kenntnis zu nehmen, das subjektiv zufällige Kunsterlebnis zu beschreiben, sondern es geht darum, die Möglichkeiten für dieses Kunstverständnis zu schaffen.“

Herr Stadler:
„Ziel ist also weder eine umfassende und nicht sich selbst genügende Interpretation des Büchnerstückes im literaturwissenschaftlichen Sinne, noch die erlebnishafte Einfühlung oder kalte Zurkenntnisnahme des Stückes, sondern es geht um den Vorgang des Verstehens selber. – Hier liegt der Bildungswert des Faches Deutsch.“

Herr Schönen:
„Könnte man sagen, dass das Stück nur Hilfsmittel bei der Herausbildung der Verständnisfähigkeit ist?“

Frau B.:
„Das reicht wieder auch nicht, denn verstehen heißt, etwas verstehen. Das heißt, beim Lernen des Verstehens muss man sich auch mit dem Gegenstand des Verstehens auseinandersetzen. ...“

Frau Vogt:
„In diesem Punkt müsste versucht werden, Verstehen als die kognitive Seite moralischen Urteilens zu begreifen; denn Verstehen heißt, sich zum Gegenstand zu stellen. Verstehen, die Aufnahme eines Textes, ist gleichzeitig die Veränderung des eigenen Ichs durch die Aufnahme dieses Textes.“

Frau Zens-Hoffmann:
„Richtig. Ich kann nur verstehen (und verstehen lernen), wenn ich die Bedeutsamkeit des zu Verstehenden erkannt habe.“  

Die zu dem Gespräch hinzugekommenen Lehrkräfte, Frau Klimek und Frau Thülig, beide tragen ihre gesammelten Erfahrungen aus einem anderen Bundesland bzw. von einer anderen Schulform in einer Mappe noch unterm Arm, können den vorangegangenen Reden in allen Einzelheiten nur zustimmen.

An mehreren Stellen hat Frau Kohl, unsere Referendarin, bereits einvernehmlich genickt, aus ihrem Fachseminar ist ihr der besondere Bildungsauftrag des Faches Deutsch innerhalb des Fächerkanons am Gymnasium bestens bekannt. 

[Der Dialog, entnommen aus Volker Ladenthins Fachbuch: “Erziehung durch Literatur?“ (Pädagogikverlag Die Blaue Eule; Bd..4), wurde hier den Deutschkollegen unter leichten Abänderungen lediglich „in den Mund gelegt“.]